Samstag 12:41, ich wurde langsam nervös und fragte mich, wie es den anderen geht. Gregu, der Tanker, ging es ähnlich, er hätte langsam ein Kribbeln im Bauch. Er hätte aber kein Ritual vor dem Rennen, er bereitet einfach alles vor und dann geht’s los. Ganz anders bei Fäbu, dem Mechaniker, er war die Ruhe selbst. Für ihn sei die erste Stunde das Nervenaufreibendste, erzählt er mir, danach weiss man, dass es läuft, und dann findet einfach das Rennen statt. Er hätte nur beim Boxenstopp eine Art Ritual. Da kniet er sich hin, fixiert einen Punkt und sagt sich immer wieder «jetzt», dann kommt das Motorrad, es laufe wie von selbst. Alex, der Fahrer, hat kein Ritual vor dem Start, er achtet einfach darauf, dass er die Ruhe bewahrt.
Kurz vor zwei Uhr geht es los. Die Motorräder kamen in die Startaufstellung. Ein Teil des Teams durfte auch dahin. Auch ich. Stell dir vor, ich stand auf der Rennstrecke in der Startaufstellung zwischen all den wichtigen Menschen, Motorrädern und Kameras. Ein weiteres Mal konnte ich nur noch leer schlucken. Ich lief die Startaufstellung hoch und runter, mit dem breitesten Grinsen, das du dir vorstellen kannst, bis sie geschlossen wurde. Dazwischen machte ich immer wieder Halt beim Team Bolliger. Auch Kevin entkam nicht der Frage nach dem Ritual vor dem Rennen. Er meinte nur trocken, dass er frische Hosen anzieht vor dem Rennen, so bleibt der Schmutz von letzter Woche weg vom Rennen.
Dann kamen die Securitys und ich musste die Startaufstellung verlassen. Mirko, der Social-Media-Verantwortliche vom Team Bolliger, fragte mich, ob ich mit ihm zur ersten Kurve komme, um den Start anzusehen. Ich freute mich und ging mit. Oben angekommen, genossen wir die französische Nationalhymne, die mit viel Herzblut gesungen wurde und überall auf der Rennstrecke zu hören und zu spüren war. Dann ging es schon los und die 60 Motorräder bretterten an uns vorbei. Eindrücklich, aber leider habe ich den legendären Le-Mans-Start so verpasst. Wir wechselten noch ein paar Mal die Position und machten unsere Aufnahmen. Alex ist der Start geglückt, er fuhr von Startplatz 14 auf 10. Nach 20 Minuten wurden dann schon die ersten überrundet. Ich wollte nicht zu lange draussen an der Strecke bleiben, denn ich wollte beim ersten Fahrerwechsel und Boxenstopp dabei sein.
Als ich in der Box ankam, hatte ich gerade noch genug Zeit, um meine Kamera zu starten, und schon war Alex da und übergab an Nico. Ein Turn dauert 32 Runden, dann wird getankt, die Reifen gewechselt und an den nächsten Fahrer übergeben. Im Tank sind 17.88 kg Benzin, bei einem Verbrauch von 0.55 kg pro Runde reicht dies für 32.5 Runden. Das bedeutet, falls der Fahrer aus irgendwelchen Gründen nach 32 Runden nicht in die Box fahren kann, reicht das Benzin gerade noch für eine Runde. Beim ersten Turn werden jeweils zur Sicherheit 31 Runden gefahren. Ein Turn dauert dann, wenn man mit der schnellsten Rundenzeit (1 Minute und 37 Sekunden) vom Team Bolliger rechnet, mindestens 42.47 Minuten. Ich hatte mit 45 Minuten oder mehr gerechnet und war deshalb etwas knapp da, zum ersten Boxenstopp.
Bis kurz vor 18 Uhr verbrachte ich die Zeit in der Box. Der erste Kaffee wurde verschlungen, wie viele es wohl noch werden? Dann kam Michèle von Kawasaki Schweiz zu mir, wir kennen uns von den vergangenen Kawasaki-Tests. Sie meinte, sie können noch in ein paar andere Boxen reinschauen, ob ich mit wollte. Ich sagte natürlich gleich zu und so zogen wir los. Zuerst gingen wir zu Yart, dem späteren Gewinner des 24-Stunden-Rennens in Le Mans. Eine ganz andere Box als bei Bolliger, aber nicht weniger ordentlich oder organisiert. Es war auch eine Ruhe zu spüren, man merkte, die wissen, was sie machen. Wir warteten den Boxenstopp ab und gingen dann weiter zu Kawasaki Webike Trickstar. Es ist das Kawasaki-Werksteam und das einzige Team, das mit der neuen ZX-10R an den Start ging, was an den Winglets einfach zu erkennen war. Auch diese Box sah wieder ganz anders aus, wenn auch nicht etwas chaotischer. Trotzdem reichte es am Schluss für den dritten Rang. Michèle nahm mich dann noch mit zum Kingtyre Fullgas Racing Team, auch ein Kawasaki-Team. Hier waren wir aber nicht nur wegen dem Einblick in die Box, dazu später. Denn hier sahen wir einen etwas anderen Boxenstopp, das Team hatte kein Schnellwechselteam wie zum Beispiel das Team Bolliger und musste bei jedem Boxenstopp die Kette neu «einfädeln». Und genau das dauerte etwas mehr Zeit.
Nach dem Boxenstopp beim Kingtyre Fullgas Racing Team kam der eine Mechaniker, Jannick Kaufmann, zu Michèle, die beiden kannten sich und er war der Grund für unseren Besuch. Im Rahmen vom 24h-Rennen in Le Mans wurde ein Wasserstoff-Motorrad von Kawasaki ausgestellt. Von dieser Maschine gibt es genau zwei, eine in Europa und eine in Japan. Dieses Wasserstoffmotorrad dürfen hier in Europa genau zwei Menschen fahren und einer davon ist Jannick Kaufmann vom Kingtyre Fullgas Racing Team. Ich hatte wieder einmal unglaubliches Glück. Jannick hatte Zeit, wir gingen zum Wasserstoffmotorrad von Kawasaki und er beantwortete mir ein paar Fragen zu diesem Motorrad. Das war richtig spannend.
Zurück in der Box war die dritte Stunde des Rennens Geschichte, es war mittlerweile 18:30. Beim Boxenstopp fuhr Alex rein und Nico begab sich auf die 4.1 km lange Strecke. Es kühlte langsam ab, draussen waren noch 19.3 °C und der Asphalt war 24 °C warm. Die Asphalttemperatur ist für die Reifenspezialisten, Domä und Lüschi, ein wichtiger Indikator, denn nach dieser werden die Reifenwärmer eingestellt.
Der zweite Kaffee wird geschlürft.
Die Sonne kam dem Horizont immer näher und ich entschied mich für einen Fotoausflug. Ich ging raus, spazierte um die Strecke und machte an verschiedenen Stellen Fotos, erfolgreiche und weniger erfolgreiche. Dazwischen setzte ich mich auch ab und an mal hin, um einfach die Szenerie und das Rennen zu geniessen, das brauchte etwas innere Überwindung, tat aber gut. In solchen Momenten war ich einfach unglaublich dankbar, dass ich das alles erleben durfte.
Als ich wieder in der Box auftauchte, hatten wir schon 5 Stunden hinter uns, es war mittlerweile 20 Uhr. Das Wetter grandios, immer wieder ein paar Wolken, aber trocken. Remo, der Tanker, erklärte mir aber, dass genau diese Verhältnisse problematisch werden können. Während wechselhaftem Wetter gibt es viele Boxenstopps, alle Teams verlieren dabei Zeit. Wenn du dann einen Defekt oder Sturz hast, fällt das nicht so in die Zeit. Ist das Wetter aber schön und es gibt wenige Boxenstopps, darf nichts passieren, ansonsten kann man ganz schnell viel Zeit verlieren.
Meine Müdigkeit hielt sich zu diesem Zeitpunkt noch in Grenzen. Mein Zeitgefühl war aber schon lange verschwunden. Während meinen Boxenaufenthalten schoss ich Fotos, sprach mit den Teammitgliedern und betreute meinen Liveticker auf meinem Blog. Die Teammitglieder vertrieben sich die Zeit zwischen den Boxenstopps ganz unterschiedlich, die einen unterhielten sich, die anderen ruhten sich aus und legten sich hin und manche schauten sich im Fernseher das Rennen an. Manu, der Mechaniker, hatte eine etwas speziellere Variante, sich zu unterhalten, er füllte Sudokus aus.
Nach einem weiteren Fotoausflug an die Strecke, es war 22:30, kam ich zurück in die Box und das Motorrad stand da, nicht vor der Box, sondern in der Box. Ich fragte mich durch, keiner konnte mir so richtig sagen, was los ist. Einzig, dass das ganze Bremssystem am Vorderrad ausgewechselt werden musste. Kurz nachdem das Motorrad rausfuhr, erfuhr ich, was los war: Beim Boxenstopp ging das Vorderrad nicht richtig rein, man musste nachhelfen. Als der Fahrer draussen war, hatte er zu wenig bis keinen Bremsdruck und er kam wieder in die Box. Da es zu viel Zeit benötigte, das ganze System zu entlüften, wurde das ganze System ausgewechselt.
Zu den Ersatzteilen gibt es noch etwas zu erklären. Das Team Bolliger reiste mit zwei Motorrädern an. Am Samstagmorgen musste entschieden werden, mit welchem Motorrad gefahren wird. Das zweite musste innerhalb der ersten Runde des Rennens die Box verlassen. Danach wurde dieses von Fäbu und Küsu, den Mechanikern, zerlegt. Jedes Ersatzteil erhielt seinen angeschriebenen Platz im Regal und so diente das zweite Bike als Ersatzteillager.
Es war mittlerweile 23 Uhr und wir befanden uns auf dem 16. Rang, Alex fuhr.
Mit vier Fahrern ist das Team Bolliger angereist. Nur drei durften am Rennen teilnehmen, der vierte, Kylian, war während dem Rennen arbeitslos. Besser gesagt wäre. In der Langstrecken-WM helfen alle einander. Ein anderes Team hatte einen Fahrerausfall und so wurde Kylian an dieses ausgeliehen. Leider hatten sie nach ein paar Stunden einen Ventilschaden, den sie nicht repariert kriegten und Kylian hatte nun definitiv Feierabend.
00:42, die Müdigkeit kam langsam auf und ich gönnte mir Kaffee Nr. 5. Seit die Sonne unterging, kühlte es rasch ab, die Aussentemperatur lag bei 11 °C und die Asphalttemperatur bei 15 °C. So fand ich mich immer wieder bei Lüschi und Domä. Nicht, weil das zwei unterhaltsame und sympathische Typen sind, sondern weil die Reifenwärmer Wärme abgaben.
Ich entschied mich für den ersten Powernap und legte mich auf die Bank in der Box. Ich gönnte mir etwas mehr als 40 Minuten, bevor ich wieder aufstand, ich wollte einfach nichts verpassen. Es war nun 2:12. Das Team Bolliger hatte 13 Boxenstopps und 384 Runden hinter sich. Der Erstplatzierte hatte 16 Runden Vorsprung zum Team Bolliger.
Und schon war 3 Uhr und das halbe Rennen war durch. Nun wurde jede freie Fläche in der Box für ein Nickerchen genutzt. Auch mir wurde nahegelegt, dass meine Augen nach Schlaf schreien würden und ich legte mich für weitere 20 Minuten hin, dieses Mal in den LKW-Anhänger. Es wurden 40 Minuten.
Als ich aufwachte, war 5 Uhr und Kevin meinte, jetzt kommt die Endurance-Müdigkeit auf, auf die er sich freute, was er mir vor ein paar Tagen in einem Interview erzählte. Die Kälte fing langsam an zu beissen, 8 °C Aussentemperatur und 11 °C Asphalttemperatur. Nun waren 14 Stunden von 24 gefahren. Das bedeutete, es stand uns noch ein normaler Arbeitstag mit etwas Überzeit bevor.
Nach einer weiteren einstündigen Schlafpause war es schon kurz vor 8. Die Sonne war auf dem Weg nach oben und es wurde langsam wieder wärmer. Für die Zuschauer war das ganz schön, für die Fahrer begann mit dem Sonnenaufgang eine gefährliche Zeit, erzählte mir Küsu, der Mechaniker. Denn dann legte sich der Tau auf die Strecke und es kann rutschig werden. Das Team Bolliger fuhr aber nach wie vor sturzfrei.
Nun ging alles schnell. Ich war noch zweimal draussen für Fotos. Und dann war schon Mittag und es ging nur noch 3 Stunden. Der Erste hatte zu diesem Zeitpunkt Feierabend, Adi, der Zeitnehmer, denn die arbeiteten in 3-Stunden-Schichten. Sie sind das Verbindungsglied zwischen Fahrer und Box. Über die elektrische Boxentafel, die elektrisch rausfährt, können sie dem Fahrer die Infos aus der Box mitteilen. Der Fahrer kann aber auch anzeigen, wenn er in die Box will, indem er den Fuss rausstreckt. In einem solchen Moment hat dann das Boxenteam eine Runde Zeit, sich vorzubereiten, bevor der Fahrer in die Box fährt.
Dann startete die letzte Stunde. Fäbu, der Mechaniker, kam zu mir und meinte, dies sei nun der einzige Moment, wo er nervös sei, in der letzten Stunde des Rennens. Um 14:45 meinte Remo, der Tanker, zu mir, dass ich mich bereit machen soll, damit ich einen Platz auf der Boxenmauer kriege. Er meinte noch etwas mit «der Helm» und ich rannte schon los nach hinten in die Box, um meinen Fahrradhelm zu holen. Als ich wieder vorne ankam, meinte Remo lachend: «Den Helm brauchst du nicht». Diese Situation stand für die ganze Woche, die Berner nehmen sich etwas mehr Zeit und ich musste mich oft in Geduld üben, bis sie fertig waren mit dem, was sie erzählen wollten. Lüschi, der Reifenexperte, meinte, sie sprechen nur so langsam, damit wir anderen es auch verstehen können.
Dann war 15 Uhr und wir rannten alle auf die Boxenmauer, um die Fahrer jubelnd im Ziel zu begrüssen. Freunde, da waren bei mir alle Dämme gebrochen, meine Knie zitterten und die Tränen flossen und ich konnte mich schlecht beruhigen. Es half auch nicht, als sich alle in den Armen lagen. Wir waren auf dem gesamten 7. und in unserer Klasse auf dem 6. Rang ins Ziel gefahren. Das bedeutet 30 Runden hinter dem Gewinner Yart, 829 gefahrene Runden und 27 Pitstopps, die gesamthaft 51 Minuten und 15 Sekunden dauerten. Das Ergebnis war aber in diesem Moment Nebensache, wir freuten uns einfach, dass wir es geschafft hatten. Die Motorräder kamen nach der Auslaufrunde zurück in die Box und es gab den einen oder anderen Burnout. In der vergangenen Woche fragte ich mich immer wieder: Wieso macht man diesen ganzen Aufwand? Bei der Zieleinfahrt wurde es mir zum wiederholten Male bewusst, wieso. Als ich mich etwas beruhigte, ging ich in die Box, da umarmte man sich und stiess mit Aarebier an und es gab wie so oft einen Schnupf, aber dieser war ganz besonders. Bald merkte ich, ich war nicht der Einzige, der Tränen in den Augen hatte. Auch Lüschi war sichtlich gerührt und meinte gutmütig: «Weisch Luki, das muäsch eiifach usä laah, das isch doch öbis schöns».
Ich durfte das 24-Stunden-Rennen in Le Mans hautnah erleben, aber ich durfte auch ganz viele neue, spannende und tolle Menschen kennenlernen. Sie nahmen sich Zeit für mich, egal wie stressig es war, und erklärten mir alles detailliert , manchmal auch mehrmals, weil ich es nicht verstanden habe. Mich beeindruckte und motivierte es gleichzeitig, mit welcher Hingabe das ganze Team Bolliger mitarbeitet. Jetzt bleibt noch eins: Danke Team Bolliger, ihr seid Super!
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